Forelle-mit Hindernissen

„Wie siehst du denn aus???“ Mehr hatte mein Mann nicht zu sagen, als ich wieder vom Angeln zurückkam.

Das Blut lief mir den Unterarm herunter, der auf der Rückseite übersät war mit Kratzspuren.

Dazwischen machten sich riesige Brennnesselpusteln breit! Auch mein Hals trug seine Spuren davon.

„Ihr Angler seid nicht viel anders als Drogenabhängige….Wie kann man nur….“, hörte ich noch, doch in Gedanken ärgerte ich mich mehr darüber, dass ich auch noch geschneidert hatte.

Das einzige was ich getan habe, war mal wieder auf „die Profis“ zu hören. Ich habe getan, was in jedem Angelratgeber zu lesen ist! An stark beangelten Gewässer muss man dort angeln wo keiner angelt.

Und wo ist das? Klar! Da wo keiner hinkommt. Keiner außer ich…. weil ich hunderte Meter mit der Wathose den Bach unter dem Gebüsch durchquere und dort auswerfe, wo sonst keiner auswerfen kann. Mein Tackle: Eine ultrakurze Rute, einen Watkescher und ich – hochmotiviert, dass ich endlich meinen Größenvorteil einsetzen kann.

Langsam klettere ich einen steilen Hang hinab. Einen sehr, sehr, sehr steilen Hang. Es ist die einzige Möglichkeit herunter zum Ufer des Gewässerabschnittes zu kommen.

Die anderen Hänge sind zugewachsen mit Brombeerhecken – rechts und links.

Die letzten 3 Meter rutsche ich ab. Im Bruchteil einer Sekunde muss ich darüber entscheiden, mich zur Seite auf die Rute oder nach hinten fallen zu lassen. Das Ergebnis ist ein blauer Fleck am Steißbein.

Busch für Busch, Baum für Baum schlängle ich mich trotz Schmerzen am Ufer entlang auf der Suche nach einem Spalt zum auswerfen. Doch nach 400 Metern sehe ich keine Steine mehr am Untergrund.

Matsch ohne Kies? Keine gute Kombination. Zumindest weiß ich aus Erfahrung, dass das Versinken im Schlamm gar nicht gut ist! Und hier, zwischen dem Gestrüpp, fernab der Zivilisation, würde mich nicht einmal ein Angler hören, würde ich um Hilfe schreien!

Verflixt! Vorsichtig taste ich mit einem Ast den Boden nach Steinen ab und werde fündig. Nach weiteren 100 Metern, führt mich mein Wat-Weg in die Mitte des mittlerweile gut 4 Meter breiten Gewässers. Endlich kann ich auswerfen. Einwurf….und Bämm!! Ich wusste es! Eine gute 40er Forelle schnappt sich meinen Köder und hakt sich ab! War es die Bremse? Die Rute? Der Haken? Oder ich? Noch bevor ich dazu komme die Ursache zu analysieren, beißt Nummer zwei. Und die bleibt hängen….dummerweise hat sie nur 25 cm. Nummer drei bis fünf müssen ebenfalls noch wachsen. Danach kehrt Ruhe am Wasser ein. Ich muss weiter! Da vorne sehe ich einen potentiellen Hot Spot! In Gedanken fange ich schon die Forelle aller Forellen, die noch nie einen Köder gesehen hat – bis ich komme!

Doch wo war mein Stock?? Mein Wat-Stock hatte sich aus dem Loch im Untergrund gelöst in das ich ihn gesteckt hatte! Und nun schwamm er….flussabwärts. Und ich? Ich stand nun mitten im wilden Wasser und sah weder rechts noch links wohin ich hätte gehen können!

Ein Albtraum! Vorsichtig tastete ich mit dem Griff meiner Angelrute den Boden ab zum naheliegenden Ufer hin. Da stand ich nun – ohne Stock! Und hinter mir? Eine ca. sechs Meter hohe Böschung, davon 2 Meter Brennnesseln und 4 Meter Dornenhecken und Brombeersträucher! Kein Ast, weit und breit.

Die Wahl war einfach: Ertrinken, im Schlamm stecken bleiben oder ab durch die meterhohe Hecke?

Ich mach´s kurz: Es tat weh!

Nachdem die Wunden nach 4 Tagen so gut wie verheilt waren, entschloss ich mich ein zweites Mal den Einstieg zu wagen! Diesmal hatte ich meinen Watstock angebunden und mich mit einem Seil den Hang abgeseilt. Irgendwie hatte das Ganze was von Indiana Jones. Und ich war mir sicher, dass mein „Schatz“ irgendwo dahinten war bei der nicht einsehbaren strömungsreichen Stelle 300 Meter weiter!

Sorgfältig tastete ich mich mit meinem Super-Watstock Schritt für Schritt vor, duckte mich unter den Bäumen durch, hangelte mich zwischen Ästen und Steinen am Ufer entlang, als sich plötzlich in einer Minute, in der ich eine kurze Atempause benötigte, eine größere Forelle rauben sah!

Über mir flog ein Storch mit einem Ast im Schnabel. Die Sonne verwandelte das Wasser in einem Glitzermeer. In diesem Moment wusste ich: „Sandra, du bist im Forellenparadies angekommen!“

Der Köder kommt auf dem Wasser auf – Bämm!!! Wieder eine 20er!

Die nächsten Einwürfe sind erfolglos. Wieder ein Einwurf und ….der Köder hängt am Baum. War klar, dass das irgendwann kommen musste! Immerhin hängt er nur zwei Meter weg von mir! Zügig binde ich meinen Watstock ab und erreiche damit den Ast, an dem der Köder hängt als ich nach vorne kippe, mich wieder fange und gleichzeitig nach meiner Angelrute greife. Mein Watstock schwimmt derweil flussabwärts. Wieder hangle ich mich tastende mit der Rute zum Ufer hinüber. Zu meinem „Hot Spot“ sind es nur noch gute 50 Meter. Ein morscher Ast muss nun herhalten! So morsch, dass er beim ersten Abstützen zusammenbricht und ich längs im Wasser liege.

Das Wasser fließt mir in die Wathose hinein. Mein Klamotten drunter: klitschnass!

Mein rechter Arm aufgeschürft! Jetzt erst Recht!!! dachte ich mir. Jetzt wo ich schon mal nass und (wieder) demoliert war, hangelte ich mich am Ufer wie ein Affe durchs Gebüsch.

Brennnessel hin, Brombeersträucher her….Kurz vorm Ziel umzukehren kam nicht mehr in Frage!

Schließlich kam ich an! Es war, wie ich es mir vorgestellt hatte! Schnell fließende Bereiche, strukturreich, langsam fließende Bereiche.Überhängende Bäume…..Ich war mir sicher – hier war außer mir noch keiner! Nicht einmal der Kormoran! Tiefe Gumpen wechselten sich mit strömungsreichen Steinpackungen ab.

Ein Traum! Einwurf!…Nichts. Nächster Einwurf, wieder nichts. Verzweifelt, nass und blutend stand ich am Ufer! Das konnte jetzt nicht das Ende meiner Expedition sein!

30 Minuten warf ich ununterbrochen meinen Köder ein – ohne einen einzigen Kontakt.

Langsam wurde es Zeit nach Hause zu gehen, es begann zu dämmern…und ich hatte einen langen Rückweg vor mir.

Letzter Auswurf und …Bämm!!! Da war sie… zwar nicht die Mutter aller Forellen aber immerhin ein maßiges Exemplar von 30 cm.

Stolz watete ich nach Hause.

Die Blicke der Autofahrer, als ich mit quietschenden Wathosen am Gehweg entlangwate und einen Wasserspur hinter mir lasse…..die lädierten Arme…..die nassen Haare….Egal! Mein Mut wurde mal ausnahmsweise belohnt.

Diesmal kam ich nicht nur mit Wunden nach Hause, sondern auch noch nass – und vor allem glücklich!

Was lernen wir aus diesem Mist?

Dass eine Riesenforelle auch nicht immer an unbesuchten Orten ist.